Norwegen Sommer 2018

Die ersten Tage im Süden

Tag fünf auf Tour und ich sitze in Evje auf dem Odden Campingplatz, der jüngst als der beste Platz Norwegens ausgezeichnet wurde, genieße ein Stück Wassermelone und eine kalte Coke. Zugegeben, mit einer entbehrungsreichen Wandertour hat das nicht viel gemein, aber ich lasse es langsam angehen und gönne mir heute meinen ersten Ruhetag.

Meine Tour startet ganz im Süden des Landes am Leuchturm in Lindesnes. Bepackt mit einem Ungetüm von Rucksack und den schweren Wanderstiefeln folge ich der Landstraße 460 in Richtung Vigeland. Nicht wirklich ein Spaß, gerade am Anfang, aber das Wetter meint es gut mit mir, die Straße schlängelt sich entlang der Küste und bietet beste Aussichten und als zusätzliches Rahmenprogramm startet die Tour des Fjordes, ein Radrennen, ebenfalls in Lindesnes Fyr. Durch eine längere Sperrung der Straße hält sich der Verkehr in Grenzen und sämtliche Anwohner schmücken ihre Gärten mit norwegischen Fähnchen und sitzen, gespannt auf das Rennen wartend, im Garten. Dadurch ergibt sich der ein oder andere nette Plausch am Gartenzaun und eine Einladung zum Essen schlage ich dann doch aus, um noch etwas voran zu kommen. Natürlich will auch ich das Rennen sehen und wäre ohnehin von der Straße verscheucht worden. Also suche ich mir rechtzeitig ein schattiges Plätzchen in einem der kleinen Ortschaften. Nach und nach kommen die Anwohner mit Klappstühlen und Fahnen und die Promotion-Fahrzeuge, die dem Troß vorauseilen, versorgen uns mit gratis Energydrinks. Unzählige Fahrzeuge und Motorräder passieren die kleine Ortschaft und dann huschen innerhalb weniger Sekunden die Radfahrer vorbei. So schnell das Spektakel vorbei ist, so schnell leert sich auch wieder die Straße. Also schultert ich mein Gepäck und laufe weiter bis nach Snik. Dort lockt schon von weitem ein Badestrand mit kleinem Toilettenhäuschen und Trinkwasser, nur das „Campen Verboten“ Schild macht mir einen Strich durch die Rechnung. Etwas enttäuscht trotte ich weiter, bin ich doch schon auf Feierabend eingestellt, als ich nach nur wenigen Minuten eine Art Gemeindezentrum passiere. Eine Mitarbeiterin ist gerade dabei die Fahne einzuholen. Also frage ich kurz, ob es möglich sei auf dem Rasen zu zelten und habe wenige Sekunden später einen perfekten Stellplatz am Wasser. Da schon vier Uhr vorbei ist, machen die Mitarbeiter nach und nach Schluss und ich bin alleine auf dem Gelände. Baden, essen und schon ist der erste Tage rum. Irgendwie komisch, zu wissen, dass man jetzt fast vier Monat alleine durch die Lande zieht. Einerseits ist es schön unterwegs zu sein, aber es ist auch ein harter Schnitt, da ich noch bis zum letzten Tag vor dem Abflug gearbeitet habe und mitten im Alltag steckte.

Am nächsten Morgen ein zeitiger Aufbruch. Nur wenige Kilometer bis nach Vigeland. Der große Vorteil von Orten ist natürlich die Infrastruktur. Warum selber Kaffee kochen und Müsli essen, wenn man einen Supermarkt passiert. Wandertaugliches aus dem Rucksack habe ich noch oft genug vor mir. Außerdem genieße ich es, auch während der nächsten Tage, irgendwo am Supermarkt oder einer Tankstelle, meist ist sowieso alles eins, zu sitzen, etwas frisches zu essen oder etwas kaltes zu trinken und dem Treiben im Ort zuzuschauen. Schließlich bin ich ja auch deswegen hier. Nicht nur um wilde Abenteuer in den Bergen zu erleben, auch um einen Eindruck zu bekommen, wie das Leben hier so läuft, weit weg von Oslo. Norwegens ländliche Seite kenne ich sonst auch nur von Wochenendausflügen. Ich bin überrascht, wie schnell man ins Gespräch kommt. Das ist der große Vorteil vom wandern. Selbst mit dem Fahrrad wäre ich an den meisten Gesprächen sicher nur grüßend vorbeigefahren. Aber das langsame Tempo, die Leute sehen einen kommen, und vor allem der große Rucksack wirken wie ein Eisbrecher. Schnell werden hier und da ein paar Worte gewechselt. Und wenn man Glück hat, bekommt man nicht nur seine Wasserflasche aufgefüllt, sondern auch noch ein Eis geschenkt.

Der zweite Tag führt mich weiter bis kurz vor Konsmo. Die Küste habe ich hinter mir gelassen und folge der 460 nach Norden. Hier wird es einsamer und das Wetter meint es nicht nur gut, die Sonne brennt den ganzen Tag herab und so soll es bleiben. Heute lese ich zu Recht von Rekordhitze in der Zeitung. Warum genau habe ich Regenkleidung und Handschuhe dabei? Die Nacht biwakiere ich am Flussufer und habe Probleme mich an die Helligkeit zu gewöhnen. Bis weit nach 23 Uhr ist es hell und ab vier scheint wieder die Sonne. So ein paar Kilometer nach Norden machen einen ganz schönen Unterschied.

Auch der dritte Tag folgt der Straße nach Norden, bis ich kurz vor Ende des Wandertages auf die 42 nach Evje abbiege. Kurz vor Sveindal finde ich einen See und einen Lagerplatz, der meinen Ansprüchen zusagt und biwakiere erneut. Statt morgen nach Ljosland und in die Berge aufzubrechen , entschließe ich mich bis nach Evje zu wandern und nach einem Ruhetag durch das Setesdalen wieder nach Norden zu gehen. Das bedeutet zwar mehr Straße, aber auch etwas mehr Zivilisation. Zwar bin ich auch wegen der Berge und der Einsamkeit hier, aber ehrlich gesagt und überraschenderweise noch nicht bereit dazu. Ich will es langsam angehen und mich erst noch etwas an die Stiefel, den Rucksack und die täglichen Belastungen gewöhnen. Die Bjørnevasshytta soll mein erster Einstieg in die Berge sein.

Gesagt getan, am vierten Tag bis nach Evje ein paar Kilometer gefressen und für zwei Nächte am Campingplatz eingecheckt. Nach etwas mehr als 110 Km in den ersten Tagen haben meine Füsse und mein Körper eine Pause verdient. Morgen geht es wieder nordwärts!