Norwegen Sommer 2018

Raus in die Berge

Gemütlich im Sessel sitzend, genieße ich den vorzüglichen Fjellburger, den noch besseren Ausblick durch die großen Panoramafenster der Haukeliseter Hütte und lasse die vergangenen Tage Revue passieren. Viele Straßenkilometer, Achterbahnfahrten, wichtige Lektionen und neue Freundschaften, es ist einiges passiert.

Der Ruhetag in Evje scheint schon ewig her zu sein, dabei ist heute erst Tag 14 auf Tour. Weiter nordwärts durch das Setesdal geht die Reise. Statt der vielbefahrenen Straße Nr. 9 folge ich dem Radweg 3 und wandere lange auf Schotterwegen durch Wiesen und Wälder. Erst später muss ich wieder mit Asphalt unter den Stiefeln vorlieb nehmen. Die Kilometer gehen manchmal schneller, manchmal langsamer vorüber und die täglichen Herausforderungen sind die Trinkwasserversorgung, dem See traue ich noch nicht, und vor allem die stundenlangen Märsche in der Rekordhitze. Ich komme zwar gut voran und das Setesdal ist durchaus eine Perle der norwegischen Natur, aber so richtig frohlockend wandle ich nicht durch das Tal. Ein wenig mehr Gesellschaft könnte nicht schaden. Selbst der Campingplatz, auf dem ich einen Regennachmittag aussitze, ist komplett leer und ich bin der einzige Gast. Eine willkommene Abwechslung sind ein Pärchen aus den Niederlanden, mit denen ich einen Tag später nicht nur einen perfekten Campingspot für die Nacht teile, auch das Abendessen und viele Geschichten. Die Beiden sind seit Anfang Mai unterwegs und wollen noch einige Monate mit ihrem Bus Skandinavien bereisen. Vielleicht laufen und fahren wir uns weiter im Norden wieder über den Weg.

Natürlich war mir klar, das diese Herausforderung auf mich zukommt, aber das es so hart wird hätte ich nicht gedacht. Ab und zu ein kurzes Gespräch, hier und da ein freundlicher Gruß, aber viele mehr Kontakt habe ich in den letzten Tagen nicht mit anderen Menschen gehabt. Das fällt mir wirklich schwer. Umso schwerer fällt es mir daher auch in die noch einsamere Bergwelt aufzusteigen. An der Bjørnevasshytta verlasse ich die Zivilisation und wandere in Richtung Berdalsbu. Es ist schön endlich draußen zu sein, richtigen Bergpfaden und dem roten „T“, den Markierungen des norwegischen Wandervereins, zu folgen. Die ersten kleinen Herausforderungen müssen gemeistert werden, Flussquerungen, Routenfindung auf Schneefeldern und Orientierung im dichten Birkenwäldchen, aber alles klappt ausgezeichnet und stärkt das Selbstvertrauen. Aber auch den Übermut. In den letzten Tagen habe ich schon zu wenig auf meinen Körper gehört und marschiere bis zur Berdalsbu Hütte durch. Die letzten Kilometer recht unkonzentriert und übellaunig. Zu allem Überfluss stelle ich fest, dass ich mein kleines Stativ und einen Latschen verloren habe. Der Tiefpunkt des Tages, da ich jetzt in Stiefeln den Fluss queren muss. Glücklicherweise eine Viertelstunde vor der Hütte, in der ich auch mein Nachtlager aufschlage.

Lesson learned! Achte auf deinen Körper, mache regelmäßig Pause, passe auf deine Ausrüstung auf und übernehme im Zweifel die Verantwortung. Nicht nur Pausen und kürzere Etappen planen, auch einhalten und niemand (nichts) bleibt zurück. Der Rucksack bleibt in der Hütte und mit leichtem Gepäck starte ich den Tag mit einem Marsch den gleichen Weg zurück, den ich gestern gekommen bin. Unnötige zwei Stunden, sechs Kilometer und mehrere hundert Höhenmeter spät kehre ich zum zweiten Frühstück auf der Hütte ein. Aber immerhin habe ich alle meine verlorenen Sachen wiedergefunden und so schmeckt der Kaffee deutlich besser.

Ich steige Richtung Setesdal ab und folge diesmal wieder der 9 nach Hovden und checke auf dem dortigen Campingplatz ein. Der Rezeptionist der Hovden Fjellstoge, einem sehr edel anmutendem Hotel, zu dem auch der Campingplatz gehört, verrät mir, dass in Hütte Nr. 16 auch so ein schwerberucksackter deutscher Wandersbursche eingecheckt habe. Nachdem das Lager steht und sich Körper und Geist über eine ausgiebige Dusche gefreut haben, schaue ich einfach mal an besagter Hütte vorbei. Damit beginnt ein neues Kapitel der Tour!

Hauke, ebenfalls schon leicht gezeichnet von der Sonne und einigen Kilometern, kenne ich bisher nur von Instagram, genauer gesagt seine Bilder. Ihn hier zu treffen überrascht mich, da ich ihn eigentlich weiter nordwestlich erwartet habe. Aber manchmal muss man auch Glück haben. Wir kommen gleich ins Gespräch und tauschen uns die nächsten Stunden bei Pølser und Cola über unsere bisherigen Tage und Erfahrungen aus. Der wage Plan entsteht die nächsten Tage zusammen zu wandern und über die Berge noch Haukliseter zu gehen. Am nächsten Morgen ist der Plan gesetzt und wir fliegen förmlich quatschen durch das Fjell, natürlich streng die Pausen einhaltend. Die drei Tage in den Bergen genieße ich richtig. Die Landschaft ist atemberaubend, der Schnee durchgehend gut zu bewältigen, die Lagerplätze ein Träumchen und in Gesellschaft zu wandern tut richtig gut.

Bei Kaffee und Waffel entschließen wir in Haukeliseter die frisch geölte Maschine weiter laufen zu lassen und machen uns morgen gemeinsam auf um die Hardangervidda nach Norden zu queren.

Die Story aus Sicht von Hauke und viele gute Bilder findet ihr unter haukebendt.de

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