Norwegen Sommer 2018

Durch die Hardangervidda

Im Land der Rentiere und wilden Flüsse

„Morgen!“ schallt es vom Nachbarzelt herüber und so langsam kommt Leben in den Körper. Die ganze Nacht hat der Regen auf das Zelt getrommelt und auch jetzt will der Himmel nicht aufziehen. Eigentlich ist heute unser Ruhetag, aber auch wenn es im Schlafsack noch heimelig warm und kuschelig ist, für einen Ruhetag eignet sich unser Camp heute nicht. Die Kuhlen zwischen den großen Flechtenhaufen, auf denen die Zelte stehen, haben sich über Nacht durch den Regen gefüllt und der Zeltboden gleicht einem Wasserbett. Auch die Apside in der gestern noch das Abendessen gekocht wurde, eignet sich jetzt hervorragend zum Abspülen und Zähneputzen. Nach einem kurzen Check unserer Optionen packen wir zusammen und machen uns auf nach Halne. Die private Unterkunft liegt zwar südlich von uns, aber viel mehr Alternativen haben wir nicht, wenn wir für unseren Pausentag ein Dach über den Kopf haben wollen. Nach zwei Stunden haben unsere Stiefel die zwölf Kilometer runtergespult und keine weitere Stunde später haben unsere Zelte einen Platz im Trockenraum und Waffeln und Kaffee den Weg in unsere Bäuche gefunden. Warm und trocken ist es jetzt an der Zeit die vergangenen Tage und die Durchquerung der Hardangervidda Revue passieren zu lassen.

Schweren Herzens verlassen wir Haukeliseter. das Frühstück kann sich sehen lassen und auch sonst ist die Hütte sehr zu empfehlen. Durch die Lage an der Straße sind natürlich auch viele Tagesbesucher vor Ort, aber ein wenig Leben in der Bude kann nicht schaden. Einen ersten steilen Anstieg später schauen wir auf das, was die nächsten Tage vor uns liegt. Heißt es nicht immer die Hardangervidda sei eine Hochebene? Von Ebene ist hier nicht viel zu sehen. Eine wilde Landschaft aus teils steilen Hügeln, Flüssen, Wasserfällen und noch recht großen Schneefeldern erwartet uns. Hellevassbu ist das Ziel der heutigen Etappe, die alle bisherigen Tage in den Schatten stellt. Die Landschaft ist beeindruckend. Genau deswegen sind wir hier. Die Anstiege auf der Südseite sind meist schneefrei und nordseitige Abstiege führen über Schnee, der vormittags ganz angenehm, später sehr sülzig und kräftezehrend ist. Aber die Skisaison ist definitiv vorbei und zu Fuß lassen sich die Altschneefelder gut meistern. Aufgeschreckt durch unser Getrampel und Geplapper kommt eine große Rentierherde etwa 200 Meter oberhalb von uns in Gang und läuft nordwärts davon. Unsere erste, aber nicht letzte Herde an diesem Tag. Erschöpft, aber glücklich erreichen wir Hellevassbu, eine DNT-Hütte wie aus dem Bilderbuch. Der Boden sieht aus wie frisch gewischt, Eimer und Töpfe sind sauber geordnet und markiert, die Vorratskammer ist gut gefüllt und durch das große Sprossenfenster scheint die Sonne herein und lässt bereits ohne Kamin eine angenehm warme Atmosphäre entstehen. Hier lässt es sich nur allzu gut aushalten.

imageAuch hier fällt der Abschied schwer. Heute etwas mehr. Der Körper kommt langsam in Fahrt, der Geist braucht länger. Auf dem Weg nach Litlos entscheiden wir uns einen Ruhetag einzulegen. Mit der Pause vor Augen fällt die Wanderung gleich viel leichter. Wie am gestrigen Tag begeistern uns die rauen Hügel, viele Wasserfälle und erneut vereinzelte Rentierherden. Nur die wilden Flüsse, an sich schön anzuschauen, wecken nicht wirklich unsere Begeisterung. Die Sommerbrücken sind so früh in der Saison noch nicht aufgebaut, aber dennoch wollen die Flüsse gequert werden. Mehrere Male an diesem Tag heißt es raus aus den Stiefeln, rein in die Latschen und durch das eiskalte Wasser hinüber zur anderen Seite. Ich bin erneut froh nicht allein unterwegs zu sein. Es ist ein gutes Gefühl, sich Flüsse und Schneebrücken gemeinsam anzuschauen und zu besprechen, ob und wo eine Querung möglich und sinnvoll ist. Teils laufen wir größere Umwege um eine furtbare Stelle zu finden. Kurz vor Litlos eine letzte lange Querung und kurzzeitig stellt sich Ernüchterung ein. So schön Hellevassbu war, so schäbig kommt Litlos daher. Zugegeben, die Hütte ist normalerweise bewirtschaftet und wir kommen außerhalb der Saison nur in der benachbarten selbstbewirtschafteten „Nothütte“ unter. Aber sobald das Feuer im Kamin brennt und der Tee in der Tasse dampft, stellt sich auch hier eine gewisse Beharglichkeit ein.

Der Ruhetag besteht aus Lustigen Taschenbüchern, Nickerchen, Ausrüstungspflege und endet gesellig. Erst schaut Jørgen vorbei, Ski am Rucksack, blond, Schnäuzer, Norweger und strahlt das Leben in der Natur aus wie kaum ein anderer. Kein Wunder, er kommt gerade vom nordöstlichsten Ende Norwegens und ist auf dem Weg in den Süden. In spätestens drei Wochen dürfte er am südlichsten Ende angelangt sein und hat dann Norwegen komplett durchquert. Natürlich nur auf norwegischem Boden, von Schweden hat er sich ferngehalten, selbst Lebensmittel im nahen Supermarkt konnten ihn nicht über die Grenze locken. „Es ist einfach schöner in Norwegen“, wie er sagt. Dann stößt noch Gerrit dazu, ein deutscher Polizist, der in seinen Ferien durch Norwegen tourt und gerade die Hardangervidda von West nach Ost durchquert. Bei Pasta und einer abenteuerlich zusammengemixten Soße tauschen wir uns aus und freuen uns über die seltene und unerwartete Gesellschaft.

Am nächsten Tag gönnt sich Jørgen einen Ruhetag und will zur Erholung den Hårteigen besteigen. Wir sind erstmal zu dritt, da sich Gerrit unserer Gesellschaft anschließt und gemeinsam mit uns nach Sandhaug wandert. Langsam ändert sich die Landschaft und wir durchstreifen die Hardangervidda meiner Vorstellung. Weite Ebenen, nur kleine flache Hügelchen, durchzogen von Flüssen und ein Blick soweit das Auge reicht. Das Gelände ist einfach und wir machen ordentlich Kilometer. Zwischen Besso und Sandhaug stellt ein Fluss, der eher ein See ist, eine letzte große Herausforderung für diesen Tag dar, bevor wir unsere Zelte aufschlagen, in denen wir nach dem gemeinsamen Abendbrot schnell Zuflucht vor den Mücken suchen.

Gerrits Weg trennt sich am nächsten Morgen, er will zum Gaustatoppen bei Rjukan und wir streben nordwärts. Leichtes Gelände lässt uns in den nächsten Tagen über Dyranut und Kjeldebu bis kurz vor Fagerheim fliegen. Die Hardangervidda liegt hinter uns und ein Ruhetag vor uns. Morgen machen wir uns gestärkt wieder auf den Weg nach Norden. Am Freitag wollen wir in Tyinkrysset sein, wo das Abenteuer Jotunheimen beginnt.

Mehr wilde Geschichten und Bilder gibt es auch bei Hauke unter haukebendt.de

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