Norwegen Sommer 2018

Jotunheimen: Wo alles begann!

Jetzt geht es endlich weiter in Tyinkrysset, dem Tor nach Jotunheimen. Leider trennen sich hier fürs erste die Wege von Hauke und mir, aber nicht weil einer zu laut schnarcht oder der Gesellschaft des anderen überdrüssig ist, nein, bei beiden von uns hat sich die beste Wanderbegleitung angekündigt, die wir uns wünschen können, unsere Freundinnen. Meine bessere Hälfte kommt heute Abend in Tyinkrysset an und bleibt für zwei Wochen, im Anschluss wird Hauke für zwei Wochen auf seine Manieren achten müssen. Wir beide treffen uns Mitte Juli weiter im Norden, in Storlien wieder. So der Plan. Nebst höchsterfreulicher Wanderbegleitung heißt es also für jeden von uns auch wieder zwei Wochen alleine durchs Fjell.

Aber zunächst nutze ich die Zeit um Wäsche zu waschen, einzukaufen und schmeiße mich in meine beste Kleidung (sauber und trocken) um pünktlich an der Bushaltestelle zu stehen. Der nächste Tag ist als Ruhetag eingeplant und vergeht wie im Flüge. Essen und Gas auffüllen, Waffeln vertilgen und Kaffe trinken und schon ist so ein Ruhetag dahin. Aber dann geht es endlich hinein nach Jotunheimen, darauf habe ich mich schon die ganze Zeit gefreut. Jotunheimen ist nicht nur mein Lieblingsnationalpark hier in Norwegen (mal schauen was der Norden so bringt), hier ins „Reich der Riesen“, in Jotunheimen liegen die höchsten Gipfel Norwegens, führte mich vor vielen Jahren auch meine erste Trekkingtour und mein erster Besuch in Norwegen. Schon damals war es um mich geschehen und das Land hatte mich in seinen Bann gezogen. In Jotunheimen war ich mittlerweile schon ziemlich oft, im Sommer, wie im Winter und jedesmal begeistert mich der Park aufs Neue.

Am Tyin vorbei führt uns unser Weg nach Fondsbu. Leider sind wir ein wenig zu früh und die Hütte ist noch geschlossen. Sehr schade, denn Fondsbu wird geführt von Solbjørg, einem der herzlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Beim Abendessen lässt sie es sich nicht nehmen ein norwegisches Lied oder Gedicht vorzutragen und zu übersetzen und zu erklären, falls viele internationale Gäste zugegen sind. Die einladende Hütte, der prasselnde Kamin und die leckereren Kanelboller sind ein guter Grund um wiederzukommen. So müssen wir uns mit einem Zeltplatz in der Nähe begnügen. Der zwischenzeitliche Regen hat auch wieder aufgehört und wir können trocken unser Lager aufschlagen und kochen. Während es alleine in meinem Zelt, dem Helsport Ringstind 2 luxuriös zugeht, ist es zu zweit doch sehr kuschelig und kochen bei schlechtem Wetter erfordert einiges an organisatorischem Geschick.

Am nächsten Morgen schauen beim Frühstück ein paar Rentiere vorbei und wenige Minuten später Hauke. Auch er will heute nach Gjendebu, aber auf einer anderen Route. Wir brauchen noch ein wenig zum packen und marschieren los. Erst am Bygdin entlang und dann geht es steil hinauf, schließlich müssen wir ein Tal weiter zum Gjende. Das Wetter ist uns leider nicht hold. Regen setzt ein und es wird ziemlich windig. Die zweite Pause an diesem Tag verbringen wir wieder im Windsack und auch an den nächsten Tagen kommt nicht unbedingt Sommerferiengefühl auf. Nachts sinken die Temperaturen teils auf den Gefrierpunkt.

Für heute sind wir froh Gjendebu zu erreichen. Viel Wasser von oben, zum Glück nicht noch zusätzlich von untern, da in den letzten Tagen die Sommerbrücken aufgebaut wurden und uns die ein oder andere Flussquerung gespart wurde. Am nächsten Tag stürmt es wieder ohne Unterlass und wir brauchen nicht lange um uns beim Frühstück für einen Pausentag zu entscheiden. Wir hätten uns keinen besseren Ort aussuchen können. Wir verbringen den Tag in hervorragender Gesellschaft, lernen viel über die Hütte und die Umgebung und selbst die kleine Passagierfähre die über den Gjende fährt hat an diesem Tag ihren Dienst eingestellt. Das soll schon was heißen. Olav, ein Deutscher der früher selbst regelmäßig als Gast nach Gjendebu kam und nun die Rezeption führt, zeigt uns bei einem kleinen Rundgang die vielen Gebäude auf dem Gelände und beantwortet geduldig unsere vielen Fragen. Vom Fähranleger kommend passiert man ein altes Steinhaus, in dem Gjendine gelebt hat. Man fragt sich wirklich wie man hier einen harten Winter überleben kann, aber es scheint ganz gut zu funktionieren, da Gjendine 100 Jahre alt geworden ist. Im Laufe ihres langen Lebens hatte sie mehrfach Besuch von Edvard Grieg und wurde mit Gjendines bådnlåt in einem seiner Stück bedacht. Ob es hier romantische Momente gab, kann ich nicht sagen, aber Gjendebu ist laut einem Artikel in der DNT-Zeitschrift Fjell og Vidde die beliebteste Kuppelhütte. Viele Paare haben sich hier kennengelernt, geheiratet und kommen Jahr für Jahr mit weiteren Kindern in den Armen zurück. Vielen Dank an dieser Stelle an Olav und das Team von Gjendebu für den tollen Aufenthalt. Falls ich irgendwann wandermüde werden sollte, heuere ich auf jeden Fall hier als Küchenkraft an.

Gjende

Wir machen uns bei herrlichem Wetter und gut ausgeruht auf in Richtung Memurubu. Der Weg dorthin hält für uns zwar den ein oder anderen steilen Anstieg parat, aber der Weg über den Grat überrascht uns immer wieder mit tollen Ausblicken über den Gjende nach Gjendesheim. Genau deswegen habe ich den Park und Norwegen so sehr ins Herz geschlossen. Wir treffen ein sehr nettes Paar aus Amsterdam wieder, mit denen wir schon den Ruhetag quatschend vor dem Kamin verbracht haben und campen zusammen direkt am See. Auch am nächsten Tag treffen wir uns kurz vor Gjendesheim wieder, nur heute haben wir kein Glück und der Regen vertreibt uns in die Zelte. Wetter und Gepäck haben uns die Route am See nehmen lassen, anstatt über den bekannten Grat des Besseggen. Noch ein Grund um wiederzukommen. Aber ganz ehrlich, es ist nicht schwer Gründe für einen Trip nach Norwegen zu finden.

In Gjendesheim gönnen wir uns einen weiten Ruhetag und machen uns durch das Sikkilsdalen über Skåbu nach Vinstra. Im Sikkilsdalen treffen wir nicht nur auf spektakuläre Natur und Pfade abseits der großen Nationalparks, sondern auch auf eine große Pferdeherde. Unversehens erleben wir eines der jährlichen Highlights in dem Tal. Anfang jeder Saison kommen Pferdebesitzer und im wahrsten Sinne ihre Pferde zusammen. Das große Rammeln, wie ich es mal liebevoll nenne, feiert in diesem Jahr sein 150. Jubiläum. Ein wenig befremdlich ist es aber schon. Während das Jungvolk feiernd und singend zusammensitzt, sitzen die betagteren Pferdehalter am Rande der Koppel und schauen ihren Pferden beim anbändeln zu. Aber jedem wie’s ihm gefällt.

Von Vinstra aus wollten wir ursprünglich weiter durch Rondane nach Alvdal. Dafür müssten wir aber ein wenig Gas geben und entschließen uns lieber für einen kleinen Ausflug in den Dovrefjell Nationalpark. Dort leben zottelige Paarhufer, die wir unbedingt in freier Wildbahn erleben wollen. Die Geschichte erzähle ich aber im nächsten Beitrag.

Zur Info:
Wie es Hauke ergeht findet ihr unter haukebendt.de und wer einen Ausflug nach Amsterdam plant, sollte unbedingt eine geführte Radtour mit joyridetours unternehmen.