Norwegen Sommer 2018

Rondane und Sylan: In großen Schritten weiter nordwärts

Seit dem kleinen Ausflug zu den Moschusochsen ist viel passiert. Mittlerweile sitze ich, wieder vereint mit Hauke, in Snåsa und wir nutzen den bewölkten Tag um aufzuräumen, die Vorräte aufzufüllen und auch um hier mal wieder auf den aktuellen Stand zu kommen.

Durch Rondane nach Røros

Der Zug mit meiner Freundin an Bord ist gerade aus dem Bahnhof in Vinstra gerollt und der Bahnsteig hat sich ebenso schnell gelehrt, wie er sich kurz vor Ankunft des Zuges gefüllt hat. Ich sitze erst noch eine Weile am Bahnsteig bevor ich mich aufmache. Die nächsten zwei Wochen werde ich zur Abwechslung wieder alleine unterwegs sein und habe diesbezüglich gemischte Gefühle. Auf der einen Seite freue ich mich, andererseits ist es ungewohnt nach vier Wochen Gesellschaft wieder alleine in die Wildnis hinauszuziehen. So ganz wild sind die nächsten Stunden noch nicht. Es dauert eine ganze Weile bis ich mich in die nördlich gelegenen Berge des Rondane Nationalparks durchgeschlagen habe. Aus dem Gudbrandsdalen herauszukommen erfordert erst einen langen und steilen Anstieg an großen Kuhweiden und zahlreichen Bauernhöfen vorbei. Am Krøkla, einem beliebtem Aussichtspunkt, sehe ich endlich das ganze Rondanemassiv vor mir und wenige Stunden später stelle ich mein Zelt ein paar Kilometer westlich der Eldåbu-Hütte auf. Mein morgiges Ziel ist Bjørnhollia, eine DNT-Hütte, die schon seit längerem auf meiner Todo-Liste steht. Von meinem Zeltplatz aus kann ich einem unmarkiertem Pfad folgen und spare mir einen kleinen Umweg über die rot markierten Routen des norwegischen Wandervereins. So bin ich schneller in Bjørnhollia, was mir nach der langen Etappe aus Vinstra hierher nur Recht ist, und ich kann mich langsam auf das weglose Gelände weiter oben im Norden vorbereiten. Die Orientierung klappt ausgezeichnet, was in diesem Gelände ehrlich gesagt aber auch nicht so schwer ist, stärkt aber das Selbstvertrauen. Unterwegs treffe ich einen Lehrer aus Oslo, mit dem ich mich später in Bjørnhollia noch länger unterhalte. Seine Frau muss arbeiten, die Kinder sind bei den Großeltern und er wandert eine Woche durch die Berge. Während des Gesprächs wird immer wieder deutlich wie gerne auch er jetzt wochenlang durch die Berge nach Norden strommern würde. Draußen in der Natur zu sein hat hier in Norwegen einen ganz anderen Stellenwert. Das Friluftsliv ist hier ein tief verankerter Teil der Kultur und Mentalität. In solchen Gesprächen wird mir immer wieder vor Augen geführt, wie besonders es ist hier so lange unterwegs sein zu können.

Von Bjørnhollia aus führt mich mein Weg weiter nach Alvdal. Während es rund um die DNT-Hütte noch recht belebt ist, tauche ich nun wieder in völlige Einsamkeit ein. Weit und breit ist niemand zu sehen und Kühe und Schafe sind meine einzigen Begleiter in den nächsten zwei Tagen. Von Alvdal aus wähle ich den schnellen Weg nach Røros. Das bedeutet zwar hauptsächlich über Feldwege zu wandern, aber meine Schuhe geben so langsam den Geist auf und müssen in Røros dringend ausgetauscht werden. Die Verkäuferin schätzt das Alter meiner Schuhe auf einige Jahre und staunt nicht schlecht, als ich ihr sage, dass ich die Stiefel erst seit Mai trage. Ein neues Paar ist schnell gefunden und die alten Schuhe werden zur Neubesohlung nach Hause geschickt. So kommen hoffentlich doch noch ein paar Jahre Nutzung zusammen.

In Røros gönne ich mir drei Tage Ruhe. Die Stadt ist wirklich nett und Zeitdruck habe ich auch nicht. Für den zweiten Abend habe ich mir vorgenommen ins Kino zu gehen und wir sind immerhin zu zweit. Daniel aus Oslo ist gerade von einer Tour in der Femundsmarka zurückgekommen und muss ein wenig Zeit totschlagen bis sein Nachtzug fährt. Wir plaudern ausgiebig über unsere Touren und fachsimpeln ein wenig über Ausrüstung. Auf die Frage wie es wohl sein muss hier auf dem Land zu leben finden wir beide keine Antwort. Diese Frage stelle ich mir oft, wenn ich durch entlegene Dörfer und Orte komme. Wie ist es wohl ist hier zu leben und wie sieht der Alltag aus? Mit dem Schwiegersohn des Campingplatzbetreibers, wo ich untergekommen bin, plaudere ich ebenfalls ein wenig. Auf dem Campingplatz hilft er ab und zu aus, ist aber Chef einer kleinen Schlachterei und züchtet Rentiere. Freizeit bleibt da wahrscheinlich nicht so viel übrig und zu tun gibt es auch immer genug. Mal schauen ob ich auf meiner Reise noch eine Antwort finde.

Stippvisite in Schweden

Von Røros aus geht es weiter in das Sylan-Gebirge und zum ersten Mal auf dieser Reise über die Grenze nach Schweden. Die Berge werden kleiner, die Wege über das hügelige Gelände einfacher und vor allem in Schweden liegen über Kilometer Holzplanken auf dem sumpfigen Untergrund. Wie auf Schienen kommt man hier zügig voran. In der Blåhammaren Fjellstue kehre ich für eine Nacht ein, um auch mal eine schwedische Hütte des dortigen Wandervereins STF kennenzulernen. Ich bin überrascht, wie groß die Hütte ist und scheinbar fast ausgebucht. Es gibt heiße Duschen und sogar eine Sauna. Mir ist es persönlich etwas zu viel Trubel und das Frühstück ist in den norwegischen Hütten ebenfalls besser. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich selbst nach zwei Monaten am liebsten noch im Zelt schlafe. Das Sylan-Gebirge und Storlien als nördlicher Endpunkt sind Teil des südlichen Kungsleden. Landschaftlich ist es hier wirklich nett und die Touren nicht zu anspruchsvoll. Storlien hingegen hat den Charme einer Grenzstadt und der Süssigkeitenladen und das Tabakgeschäft wohl oft der einzige Grund des Besuchs. Hätte es hier mittags um zwölf ein Revolverduell auf der Hauptstraße gegeben oder wären ein paar Pferdediebe aufgeknüpft worden, hätte mich das nicht groß gewundert. Wer sich den „I Love Storlien“ Aufkleber in den Fenstern der Läden ausgedacht hat, muss bis über beide Ohren sarkastisch sein. Ein Gutes hat der Besuch, ab hier starten Hauke und ich wieder gemeinsam gen Norden. Aber dazu später mehr!